Vorwort
Birgit H. ist Besitzerin der Domain www.weinende-kinder.de – der ersten und bislang auch einzigen deutschen Internetseite, die sich mit dem Schutz Minderjähriger in offenen Chaträumen befasst. Außerdem ist sie Monitorin im chat4free des Hamburger Internetanbieter net-activities. Wir haben uns mit ihr über ihre Arbeit unterhalten.
Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Homepage diesem Thema zu widmen?
Birgit H.: Auf die Idee zu der Seite kamen ich durch einen Bericht der Sendung Panorama im Juni letzten Jahres, der sich mit der Verbreitung kinderpornographischen Materials über das Internet, speziell über Chaträume, beschäftigte. Ich machte daraufhin selbst den Test und ging als Jugendliche in einige Chats mit neutralem Inhalt, in denen ich tatsächlich eindeutige Angebote bekamen. Wenige Tage später kam dann im Regionalfunk von Herne die Meldung, dass eine 14jährige sich mit einem wesentlich älteren Chatter verabredet hatte, der sie in die Eisdiele einladen wollte. Nur fuhr er mit ihr nie dort hin, sondern vielmehr in einen Wald, wo er sie vergewaltigte und umbrachte. In der selben Nacht wurde dann meine Homepage registriert.
Unter welchem Aspekt betreiben Sie diese Internetseite?
Birgit H.: Hauptsächlich unter dem Aspekt der Aufklärung. Ich versuche Eltern dazu zu bringen, dass sie ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt ins Netz lassen. Sie sollen das Internet nicht als Beschäftigungstherapie gegen Langeweile sehen, sondern sich auch dessen Gefahren verdeutlichen. Da ich oft bei chat4free bin und den Link zu meiner Seite im Profil trage, lese ich häufig direkte Reaktionen darauf: Fast alle Eltern wollen in Zukunft mehr darauf achten, wo ihre Kinder surfen.
Welche Chaträume empfinden Sie als am gefährlichsten?
Birgit H.: Gerade offene Chaträume ohne erotischen Inhalt sind potentielle Anlaufstellen für Pädophile. Der Eintritt wird ihnen durch nichts verwehrt. Die meisten Chats haben keine Abfrage des Alters durch den Personalausweis. Selbst bei manchen Erotikchats ist das nicht so. Als richtig gefährlich empfinde ich die Schülertreffs in den Chats. Gerade da, wo Eltern ihre Kinder relativ sicher glauben, ist meist der größte Umschlagplatz für Pornographie und CyberSex. Vor allem in den Ferien zieht es sehr viel Pädophile in diese Räume.
Sie haben selbst auch verschiedene Chats getestet. Wie liefen diese Tests ab?
Birgit H.: Auf meiner Homepage habe ich nur drei Beispiele für meine Tests veröffentlicht. Die Privatchats habe ich unter falschem Nicknamen mit dem Zusatz 12, 13 oder 14 Jahre geführt. Bei den etwa 80 Tests, die ich hauptsächlich in Schülertreffs und Flirträumen durchgeführt habe, waren nur zwei Chatter dabei, die mich darauf hinwiesen, dass ich noch zu jung für einen Flirtraum sei. Die anderen, alle im Alter zwischen 25 und 46, überredeten mich zum CyberSex oder schickten mir Bilder teilweise pornographischen Inhalts. Einige wollten sich auch mit mir treffen und gaben mir ihre Handynummer.
Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor derartigen Übergriffen zu schützen?
Birgit H.: Ich würde raten, auf dem Rechner, mit dem die Kinder surfen, auf jeden Fall einen Filter zu installieren. Es gibt im Netz unterschiedliche, die zum kostenlosen Download angeboten werden. Ich selbst habe einen Filter von Symantec, der Webseiten unterbindet, auf denen ein gesperrtes Wort steht.
Halten Sie den Schutz Minderjähriger in Chatlines für ausreichend?
Birgit H.: Auf keinen Fall. Kinder können ungehemmt auf Erotikseiten herum surfen und kommen in viele offene Chats, in denen sie nicht kontrolliert werden. Für die Chatbetreiber liegt das Problem da wohl im finanziellen. Alterskontrollen und Nickcheck kosten viel Zeit und Aufwand. In fast allen Chats gibt es jedoch freiwillige Helfer wie zum Beispiel mich, die als Aufpasser fungieren. Allerdings machen diese Helfer das in ihrer Freizeit und unentgeltlich und sind deswegen nicht immer im Chat anzutreffen. Auch können sie Pädophile nicht ausfiltern oder Gespräche unterbinden, wenn diese in einem privaten PopUp-Fenster stattfinden.
Was wünschen Sie sich im Hinblick auf die Politik?
Birgit H.: Wie viele aus dem Forum meiner Homepage wünsche auch ich mir, dass Pädophile stärker bestraft werden. Oft wird die Verbreitung von Kinderpornographie nur als Kavaliersdelikt angesehen und auch dementsprechend lasch bestraft. Chatter, die CyberSex mit Minderjährigen machen, werden sogar überhaupt nicht bestraft. Außerdem sollte es gesetzlich verbindliche Regelungen geben, die Chatbetreiber dazu zwingen, ihre Räume sicherer zu machen. Ein Problem ist auch, dass viele solche Seiten aus dem Ausland betrieben werden. Und zu guter Letzt müssten die Provider verstärkt kontrolliert werden, ob auf ihren Seiten kinderpornographische Inhalte sind. Dazu bräuchte man dann aber auch eine besser ausgerüstete Polizei.
Carmen Brendel