Vorwort
JUGENDSCHUTZ IM INTERNET Offene Chatlines und frei zugängliche Erotikchats als Gefahr für Jugendliche
Lass dich nicht ansprechen!
Es dauert ziemlich genau zwei Minuten, bis die erste eindeutige Unterhaltung mit ,,Kati14'' beginnt ...
VON CARMEN BRENDEL
Interessant ist das Internet nicht nur für viele Erwachsene, sondern auch für zahlreiche Kinder und Jugendliche, die ihre schulfreien Nachmittage in einem der etlichen kostenlosen Chaträume des World Wide Web verbringen. Ein harmloser Spaß für die meisten von ihnen – doch manchmal wird aus Spaß eben doch ganz schnell Ernst. Zum Beispiel dann, wenn Jugendliche durch Zufall auf einen der schlecht gesicherten Flirtchats stoßen.
Am Montagnachmittag betrete ich als ,,Kati14’’ getarnt den kostenlosen ,,Chat4free’’ des Hamburger Internetbetreibers net-activities. Bereits auf der Startseite macht mir dieser klar, dass ich in seinem Chat nicht erotisch mit anderen Usern plaudern dürfe – in seinem Alternativangebot erotikchat4free, einer ebenfalls kostenlosen Datingline, gehe es offener zu. Ich klicke auf den Link und befinde mich wenig später in besagtem Flirtchat, der laut Eingangsnachricht nicht für Jugendliche unter 16 Jahren zugänglich sei und auch regelmäßig auf verräterische Usernamen überprüft würde. Trotzdem bleibe ich bei meinem Spitznamen ,,Kati14’’ und betrete einen Flirtraum.
Es dauert ziemlich genau zwei Minuten, bis sich ein neues Fenster auf meinem Bildschirm öffnet: Der User ,,ErSucht’’ (Sein Profil: Suche Mädchen jeden Alters) möchte mit mir plaudern. Er möchte wissen, wo ich herkomme und was ich in diesem Chat suche und ich erzähle ihm meine Geschichte: Ich sei allein am Computer meine Bruders, der momentan Fußballtraining habe und deswegen nicht daheim sei. Meine Eltern seien noch auf Arbeit und würden erst abends wieder kommen und die Adresse des Chats habe ich im Lesezeichen gefunden. Ich komme aus München und gehe dort zur Schule.
,,ErSucht’’ erzählt, dass er 35 Jahre alt sei und aus Berlin komme – und verrät mir, dass er auf jüngere Mädchen stünde. Außerdem möchte er meine Telefonnummer haben, um mich anzurufen und mir zu zeigen, wie Telefonsex funktioniere: ,,Und wenn dir das gefällt, kann ich dich auch gern mal besuchen kommen – wenn niemand zu Hause ist’’, ergänzt er dann noch. Ich verweigere meine Nummer mit der Begründung, dass meine Eltern böse würden, wenn ich mit fremdem Leuten telefoniere – und darauf wird ,,ErSucht’’ richtig fies: ,,Dann eben nicht’’, schreibt er. ,,Eine Zwölfjährige wäre mir sowieso lieber, die ist wenigstens noch richtig knackig.’’
Als nächstes klickt ,,Paar’’, welche laut Profil ,,Frauen und Männer zum CS’’ (Cybersex, Anmerk. d. Red.) sucht und auch sofort wissen will, was mich in einen Erotikchat treibt. Die beiden, angeblich 21 und 23 Jahre alt und aus Nürnberg, glauben mir meine Geschichte und beginnen, mich mit weiteren Fragen zu löchern: ,,Hast du schon einen Freund, hast du mit dem schon mal Sex gemacht, hast du schon mal einen Porno gesehen, was haben die Leute da gemacht, hast du dich schon mal selbst angefasst, würdest du das auch für uns tun ...’’ Als ich diese Fragen offensichtlich zu ihrer Zufriedenheit beantworte, bekomme ich eine Handynummer nebst Einladung, mal in München einkaufen zu gehen: ,,Und wenn du uns magst, dann kaufen wir dir was nettes und zeigen dir dann, wie das mit dem Sex funktioniert.’’ Am übernächsten Tag rufe ich bei besagter Nummer an (Vorwand: verwählt) und spreche tatsächlich mit einem zirca 30jährigen Mann.
Die Anbieter von Erotikchat4free entfernen mich zwar tatsächlich irgend wann mit der Begründung, dass ich zu jung und mein Nickname unerwünscht sei – allerdings erst nach 48 Minuten. Außerdem ist ein erneutes Einwählen in diesen Raum sofort wieder möglich.
Das Fazit meines Tests, während dessen ich im Zeitraum von einer Woche zehn verschiedene Chaträume mit erotischem oder neutralem Hintergrund besucht und mit ungefähr zwanzig verschiedenen Chattern gesprochen habe: Neben vielen harmlosen Chattern habe ich auch in jedem Chat mindestens einen Erwachsenen gefunden, der an erotischen Fotos und/oder einem Treffen mit mir interessiert war.
Nicht unbedingt überraschend findet dies Robin Buß vom Sachgebiet Verbrechensbekämpfung im Polizeipräsidium Bayreuth. ,,Pädophile haben es über das Internet leichter, mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten’’, findet der Experte, dessen Meinung nach manchmal eben doch zu leichtfertig mit PCs umgegangen wird. Dabei macht sich ein User wie ,,ErSucht’’ nicht einmal in jedem Fall strafbar: ,,Sexueller Missbrauch liegt nur dann vor, wenn man Kindern Bilder pornographischen Inhalts zeigt, sie veranlasst, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen oder diese Handlungen selbst vornimmt’’, erklärt Buß. Mit einem Kind über sexuelle Dinge zu reden ist grundsätzlich nicht verboten, je nach Ton kann es jedoch als Beleidigung, Belästigung oder – sollten Sätze wie ,,Dann komme ich mal vorbei und zeige dir, wie Sex funktioniert’’ fallen – als Bedrohung mit einer Straftat gewertet werden.
Der Chatbetreiber, in dessen Räumen sich derartige Szenen abspielen, macht sich jedoch nicht strafbar: ,,Setzt der Betreiber eines Erotikchats auf eine Seite einen Hinweis, dass der Zugang für Jugendliche unter 16 Jahren verboten ist, liegt von seiner Seite her keine Straftat vor’’, so Buß. Wird ein Kind in einem Chatraum neutralen Inhalts sexuell belästigt, kann der Chatbetreiber ebenfalls nichts dafür: ,,Er wäre nur dann straffällig geworden, wenn man ihm nachweisen kann, dass er von dieser Belästigung wusste.’’ Und das ist kaum möglich, weil die meisten tatsächlich nicht wissen, was in ihren Räumen vor sich geht.
,,Das Problem ist, dass die meisten Chaträume ja gar nicht für echte Sexchats gedacht sind’’, sagt dann auch ,,Elisa’’, eine Userin, die fast täglich die Räume des Anbieters mainchat besucht, für diesen Artikel aber anonym bleiben möchte. ,,Sie werden nur von solchen Leuten dazu missbraucht. Und dafür können ja wiederum die Betreiber nichts.’’ Von chat4free-Betreiber net-activities erhielten wir keine Stellungnahme zu diesem Thema.
User, die bemerken, dass in dem von ihnen benutzten Chatraum ein Kind belästigt wird, sollten damit zur Polizei gehen: ,,Wichtig ist für uns, genau zu wissen, wann der potentielle Straftäter in welchem Chatraum war und was er geäußert hat’’, erklärt Buß. ,,Dann haben wir reelle Chancen, ihn tatsächlich zu erwischen.’’ Allerdings: ,,Man muss ihm dann auch irgendwie nachweisen, dass tatsächlich er am Computer saß.’’
4572 Fälle von Kinderpornographie wurden im vergangenen Jahr an das Landeskriminalamt gemeldet. Davon waren 1332 Inhalte schon bekannt, die entweder eingestellt worden waren oder Ermittlungen nach sich gezogen haben. 2900 waren strafrechtlich nicht relevant gewesen und von den übrigen 586 konkreten Verdachtsfällen entstanden 246 aufgrund von Eigenrecherchen der Bevölkerung. Aber Achtung: ,,Wer kinderpornographische Inhalte im Netz sucht und herunterlädt, macht sich damit selbst selbst strafbar’’, erklärt Buß. Und zwar auch, wenn er sie einfach nur der Polizei zeigen wollte.
Letztendlich hilft neben der passenden Filtersoftware also wirklich nur ein vertrauensvolles Gespräch mit seinem Kind, in dem man dieses auf Gefahren hinweist – denn Gefahren lauern eben nicht nur in den Chatlines, sondern so gut wie überall im Internet: ,,Viele Kinder haben heute eine eigene Hompage, auf der sie sich mit Hobbies und Interessen vorstellen’’, sagt dann auch Pucheit. ,,Das ist an sich zwar eine schöne Sache, erleichtert aber auch Pädophilen die Kontaktaufnahme.’’ Ein Eintrag ins Gästebuch oder eine kurze Email können dann bereits genügen.